Was ist eigentlich Netzfeminismus?

Crosspost: Dieser Blogpost wurde für den SPUNK, die Mitgliederzeitschrift der Grünen Jugend, verfasst.

CC BY SA 2.0 by gaelx

Vorab: Netzfeminismus unterscheidet sich gar nicht so sehr vom Nicht-Netz-Feminismus. Es gibt nicht DEN Feminismus, genauso wenig gibt es DEN Netzfeminismus. Es gibt keine feste Gruppe von Netzfeministinnen, sondern viele verschiedene Menschen mit verschiedensten Positionen und Meinungen.

Ein wichtiges Anliegen von vielen (Netz-)Feminist*innen ist die Sichtbarmachung von feministischen Themen und Positionen. Wie notwendig das ist, zeigt ein Blick auf Bundestag, Unternehmsvorstände, Aufsichtsräte oder die Gästeliste der Jauch-Talkshow. Zwar ist der Frauenanteil im Deutschen Bundestag seit der Bundestagswahl 2013 so hoch wie nie zuvor, liegt aber trotzdem nur bei traurigen 36 Prozent. Damit sind Frauen im Bundestag immer noch besser vertreten als in vielen anderen Bereichen: Die Männerquote in den Chefredaktionen deutscher Zeitungen liegt bei 98 Prozent, in den Vorständen der DAX-Unternehmen bei 93,7 Prozent. Die Liste lässt sich beliebig weiterführen – die Präsenz von Frauen in politisch und gesellschaftlich relevanten (Macht-)Positionen ist absurd gering.

Was unsichtbar ist, kann sichtbar gemacht werden

Wenn Medien und Politik männlich dominiert sind, schaffen wir uns unsere Bühne eben selbst! Das Internet bietet Möglichkeiten zu Vernetzung, Austausch und zur Sichtbarmachung. Vor fast genau einem Jahr klappte das mit der Sichtbarmachung durch eine Twitteraktion ziemlich gut: Anne Wizorek (@marthadear) schlug vor alltägliche sexuelle Belästigungen und Übergriffe unter einem Hashtag zu sammeln. #aufschrei war geboren. Tausende Frauen* twitterten Dinge wie “Die unzähligen Male, die ich als humorlos bezeichnet wurde, weil ich einen “leichten Klaps” auf den Arsch nicht witzig fand #aufschrei” oder “Der Typ der mich als F*tze beschimpfte, als ich lieber ein Buch lesen wollte als mit ihm zu reden. #aufschrei”. Der #aufschrei landete schnell in klassischen Medien, Feuilletonist*innen schrieben sich die Finger wund, Anne Wizorek wurde zu Günther Jauch eingeladen, und vielleicht das Wichtigste: Viele Frauen* merkten zum ersten Mal, dass sie mit sexistischen Belästigungen nicht alleine sind. Dass witzig gemeinte Sprüche übers Einparken, von Wildfremden in der Bahn angetatscht werden, aufs gebärfähig sein reduziert werden, tausenden anderen Frauen* auch passiert. Dass Sexismus und sexuelle Übergriffe alltäglich sind. „Eine Frau, die glaubt, ein unglücklicher Einzelfall zu sein, wird keine Revolte starten“ schreibt Magarete Stokowski in der taz. Und genau deshalb ist Netzfeminismus so großartig: Feministinnen, die sich away from keyboard (offline) niemals getroffen hätten, können sich vernetzten, austauschen, Erfahrungen teilen. Und plötztlich fällt einer auf, dass sie kein Einzelfall ist.

Durch #aufschrei wurde eine gemeinsame Öffentlichkeit geschaffen. Andere (Twitter)aktionen funktionieren ähnlich. Unter #SchauHin werden alltagsrassistische Erfahrungen gesammelt, unter #SolidarityIsForWhiteWomen wird weißer Mainstreamfeminismus kritisiert, unter #LifeOfAMuslimFeminist wird über sexistische und antimuslimische Diskriminierung getwittert. Unter #IchHabeNichtAngezeigt erzählten Menschen, warum sie ihre Vergewaltiger nicht angezeigt haben. Sämtliche Statements wurden hinterher ausgewertet und machen die erschreckende Dunkelziffer für ein immer noch sogut wie strafloses Verbrechen sichtbar.

Blog Dir Deine Welt, wie sie Dir gefällt

Netzfeminismus besteht aber nicht nur aus gemeinsamen Twitteraktion und Kampagnen, sondern auch aus feministischen Blogs. Da gibt es Gemeinschaftsblogs wie Mädchenmannschaft oder kleinerdrei und Blogs oder Seiten mit Themenschwerpunkten wie feministfrequency, wo sich die Medienwissenschaftlerin Anita Sarkeesian in großartigen Erklär-Videos mit der Darstellung von Frauen* in Filmen und Computerspielen beschäftigt oder femgeeks. Und, nicht zu vergessen, die viele persönliche Blogs. Zum Überblick verschaffen und reinschnuppern schaut mal bei dem Bloggerinnen-Magazin featurette vorbei. Durch das Verbloggen von feministischen Themen werden Räume geschaffen, um Themen zu behandeln, die sonst untergehen: Schönheitsnormen, Fatshaming, reproduktive Rechte, Alltagssexismus, Gewalt in der Geburtshilfe… Insbesondere für Frauen, die von Mehrfachdiskrimierungen betroffen sind, ist dieses Sichtbarmachen unglaublich wichtig: Die Perspektiven von zum Beispiel Women of Color oder Frauen mit Behinderung, die nicht nur von Sexismus, sondern auch noch von Rassismus oder Ableismus betroffen sind, kommen in klassischen Medien kaum vor.

Mein Internet ist mein Wohnzimmer

Das Unschöne am Netzfeminismus ist, dass feministische Meinungsäußerungen im Netz Trolle, Maskulinisten und Vollidioten anziehen, wie mich ein Stück vegane Schokotorte. Keine feministische Aktion, kein feministisches Blog, kein öffentlicher Twitteraccount bleibt von widerlichsten Beleidigungen verschont. Nach nur kurzer Zeit wurde der Hashtag #aufschrei von Trollen überschwemmt, die sich (im “besten” Fall) über Feminismus lustig machten. Im schlimmsten Fall wurden Menschen massiv persönlich angegriffen und beleidigt, inklusive Mord- und Vergewaltigungsdrohungen per Mail und dem Veröffentlichen von Adressen. Ein absoluter Tiefpunkt war das Computerspiel “Schlag die Schlampe” in dem der Spieler (sic) Punkte dadurch erhielt, Anita Sarkeesian zu verprügeln. Warum? Anita hatte auf einer Crowdfunding Plattform um finanzielle Unterstützung für ein Rechercheprojekt zu Geschlechterrollen in Computerspielen gebeten. Einen sowohl guten als auch erschreckenden Einblick in diese sogenannte Hatespeech, der früher oder später vermutlich alle Netzfeministinnen* begegnen, bietet ein Vortrag von Jasna Strick (@faserpiratin) mit dem Titel “Ihr gehört nur mal alle durchgevögelt”.

Ein tolles Netzfeministisches Projekt, das sich gegen Hatespeech wehrt, indem es sie sichtbar macht, ist hatr.org. Dort können Menschen, die rassistische oder sexistische Kommentare erhalten, diese einschicken. Es wird eine Art exklusive Öffentlichkeit geschaffen – die Beleidigungen bleiben nicht unter dem eigenen Blogpost stehen, verschwinden nach dem Löschen aber auch nicht komplett, sondern sind weiterhin zugänglich und machen sichtbar, womit Netzfeministinnen sich oft tagtäglich konfrontiert sehen.

Online ist nicht gleich offline – oder doch?

Trotz nerviger Kommentare für das Vertreten von feministischen Positionen ist Netzfeminismus großartig. #aufschrei hat erreicht, dass öffentlich wieder breit über Sexismus und sexistische Gewalt diskutiert wird. Netzfeministinnen haben im letzten Jahr wieder und wieder sexistische und entmündigende Äußerungen kommentiert, darüber gebloggt, getwittert, diskutiert. Netzfeministinnen haben einen offenen Brief an den Bundespräsidenten Gauck und an die ehemalige Familienministerin Schröder verfasst. Sie haben für Aktionen mobilisiert, haben tausende Male feminstisches “Grundwissen” erklärt, haben feministische Barcamps und ein netzfeministisches Biertrinken in Berlin organisiert. Sie haben teilweise für große Online-Zeitungen geschrieben und dadurch “Offline-Debatten” angestoßen, so dass sogar mein internetloser Opa mittlerweile weiß, was #aufschrei ist. Und vorallem haben Netzfemininistinnen im letzten Jahr vielen Frauen das Gefühl gegeben, nicht alleine zu sein: Es wurde sich vernetzt, online wie offline. Aus Twitter-Bekanntschaften wurden Freundinnenschaften, aus abstrakten Ideen enstanden feministische Barcamps. Für 2014 wünsche ich mir mehr davon!

Ermächtige Dich!

Crosspost: Dieser Blogpost wurde für Netzkulturen verfasst und ist ein Bericht über die Konferenz Einbruch der Dunkelheit – Theorie und Praxis der Selbstermächtigung in Zeiten digitaler Kontrolle

Ein bisschen Grusel

Wenn man so will, spiegeln die Räume in der Volksbühne den Konferenznamen “Einbruch der Dunkelheit – Theorie und Praxis der Selbstermächtigung in Zeiten digitaler Kontrolle” wieder: Da ist das Sternfoyer, irgendwie altehrwürdig, von Gängen mit schwerem rotem Teppich gesäumt. In der Mitte die Bühne, links und rechts davon Treppen, die auf eine Empore führen. Über der Bühne hängen riesige Kronleuchter und spenden Licht, die wandhohen Fenster sind komplett verhangen. Dunkelheit, selbst geschaffen. Der Rote Salon, in dem vorallem Workshops stattfinden, ist genau das Gegenteil: Holz- statt Marmor, knallgelbe Sitzkissen zum auf dem Boden fläzen, Tageslicht statt absurd-großen Kronleuchtern. Konferenzteilnehmende konnten hier die Anonymisierungssoftware Tor kennen lernen, sich digital selbst vermessen und in Datenjournalismus üben. Ein Raum der Dunkelheit, einer zum selbstermächtigen.

Selbstermächtigung, oder – einigen vielleicht geläufiger – self-empowerment, meint laut der deutschen Wikipedia

Strategien und Maßnahmen, die den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen oder Gemeinschaften erhöhen sollen und es ihnen ermöglichen, ihre Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten.

Wenn ich an (self-)empowerment denke, denke ich an die African-American Civil Rights Bewegung, an Martin Luther King, an feministische empowerment Strategien. Oder, weniger abstrakt, denke ich daran wie ich vor 8 Jahren erstmals zur “Antifaschistischen Selbstverteidigung” im autonomen Jugendzentrum ging, nachdem Freunde und ich von Nazis verprügelt wurden. An Überwachung, Geheimdienste, digitale Kontrolle denke ich erstmal nicht. Wie viel Selbstermächtigung ist überhaupt möglich, wenn nahezu alle Kommunikation in Echtzeit mitgehört und und mitgeschnitten werden kann? Wie wichtig ist Selbstermächtigung “in Zeiten digitaler Kontrolle”? Ist nicht Widerstand das, was wir(tm) brauchen? Oder ist Selbstermächtigung schon ein Akt des Widerstandes?

Mit ungefähr diesen Gedanken ging ich zur Einbruch der Dunkelheit Konferenz, bereit mich überraschen zu lassen, von theoretischen, praktischen und künstlerischen Ansätzen zu Selbstermächtigung. Es war insgesamt ein schönes Wochenenden mit spannenden Menschen und interessanten Diskussionen, viele davon, wie das so oft ist, in Zwiegesprächen abseits der Panels geführt. Was mir allerdings zu kurz kam, waren (neue) Ideen zu Selbstermächtigung. Die sinnvollsten Stragien sind durchaus alte Bekannte.

Nummer Eins: Crypto. Verschlüsselt, auch wenn ihr “nichts zu verbergen habt”, weil es solidarisch ist gegenüber Menschen, die aus guten Gründen etwas zu verbergen haben. Verschlüsselt, weil das mehr Arbeit und höhere Kosten für Geheimdienste bedeutet. (Diese Ansätze, also die solidarische “Ablenkungsstrategie” (zum Beispiel, dass sich alle auf Demos vermummen) und das Kosten in die Höhe treiben (von Polizeieinsätzen zum Beispiel) sind übrigens ganz alte Nummern aus der linken Szene. Der Zusammenhang ist sicher auch bei Gelegenheit mal einen eigenen Blogpost wert.) Diesen Ansatz haben vorallem Jacob Appelbaum und Anke Domscheit-Berg hochgehalten.

Nummer Zwei kam von Marina Weisband: Teilt euer Wissen, legt Freund*innen das Ausmaß von Überwachung dar, diskutiert, lasst das “Ich hab doch nichts zu verbergen”-Argument nicht unwidersprochen stehen. Kurz: Macht Bildungsarbeit.

Die sinnloseste Strategie kam vom Wissenschaftler Evgeny Morozov. Er hat viel geredet und dabei vorallem nichts Hilfreiches gesagt. Morozov sprach über den Kapitalismus, über Banken und appellierte an das Publikum, sich mal mit Ökonomie zu beschäftigen, weil geheimdienstliche Überwachung eine Konsequenz aus der Marktlogik sei. Irgendwelche Alternativen zu der herrschenden Marktlogik fände er gut (Sozialismus? Kommunismus? Anarchismus? Auf Twitter war man sich uneinig, worauf Morozov abzielte). Don’t get me wrong, wenn sich Menschen mit wirtschaftlichen Hintergründen beschäftigen ist das ja super. Morozovs Analyse bestand aber vorallem daraus, dass Kapitalismus doof ist, dass nicht nur die Staaten an Überwachung Schuld sind, sondern auch die Unternehmen und dass Datenhandel nur fairtrade betrieben werden sollte. Vielleicht liegt ja für einige das selbstermächtigende Moment darin, sich Zusammenhänge von Kapitalismus und Überwachung bewusst zu machen. Mir scheint darin eher Potential zum Nichts-Tun zu liegen: Weil wir den Kapitalismus noch weniger schnell loswerden als Überwachung, tun wir einfach gar nichts. Oder warten auf die Revolution und machen es uns solange weiter gemütlich in der überwachten Welt. Das ist natürlich vorallem dann bequem, wenn man selbst nicht von Repressionen betroffen ist. Und vorallem ist es erneut die gute alte Haupt- und Nebenwiderspruchsdebatte: Wenn wir den Hauptwiderspruch Kapitalismus aufgelöst haben, dann erledigen sich die Nebenwidersprüche – zum Beispiel Rassismus und Sexismus, in diesem Fall eben Überwachung – von selbst. Zu Recht wurde diese Nebenwiderspruchsthese insbesondere von Persons of Color und Feminist*innen immer wieder kritisiert. Schade, dass so alter Unfug wieder aufgewärmt in anderem Gewand präsentiert wird.

Es gab übrigens auch ganz praktische Ansätze zur Selbstermächtigung. In einem Workshop zeigte Jacob Appelbaum Interessierten, wie sie den Anonymisierungsdienst Tor benutzen können, in einem anderen geht es um Selbstvermessung. Im Workshop mit dem etwas irreführenden Namen “Gibt es eigentlich noch private Daten?” ging es um Datenjournalismus und Visualisisierung. Das ist eigentlich die praktische Anknüpfung an Marina Weißbands Vorschlag: Mehr Bildungsarbeit. Wer nicht glaubt, wie praktisch hübsche kleine Tools sein können, um Überwachung zu erklären, kann ja mal hier oder hier vorbeischauen. (In Anlehnung an den Titel des Workshops habe ich mich übrigens gefragt, wie sich das “Meine Daten gehören mir”-Narrativ eigentlich zu Datalove und wie zu Immaterialgütern und Openness verhält. Ich freue mich an dieser Stelle über (Lektüre-)hinweise in den Kommentaren.)

Robotischer Jahresrückblick 2013

Robot on the Taff. CC BY-SA 2.0 by John Greenaway

Roboter sind so großartig, dass ich gleich mehrere Lieblingsroboter habe: “echte” Roboter, aber auch welche aus Filmen, aus Graphic-Novels und meine allererste Roboterliebe Schlupp vom Grünen Stern, ein Müllroboter mit Bewusstsein aus der Augsburger Puppenkiste.

Roboter sind nicht nur tolle Spielzeuge oder praktisch, weil sie Dinge für uns erledigen, sie sind auch immer ein Abbild von Kultur: Was erschaffen wir, wovon träumen wir? Was für Fähigkeiten verleihen wir Robotern? Wofür benutzen wir Roboter? Wo kommen social robots zum Einsatz? Wie lassen wir sie aussehen? Leider studiere ich nicht das Richtige um regelmäßig mit tollsten Robotern spielen forschen zu können. (Dafür kann ich in der Philosophie was zu Anthropologie, Robotern & Cyborgism oder Robots & Gender machen. Auch nice.)

Auch wenn mir 2013 vorallem als ein “Jahr der Drohnen” in Erinnerung bleiben wird, gab es etliche tolle Roboter Momente. Deswegen hier ein Robotischer Jahresrückblick über spannende oder tolle Dinge, die in Sphären der Robotik passiert sind.

 
Say hi to ATLAS, who might save your life once (or kill you)
 

Der Juli bringt uns ATLAS, einen neuen humanoiden Roboter, gebaut von Boston Dynamics (die kürzlich von Google aufgekauft wurden, ihr erinnert euch?) ATLAS hat eine ganz schön abgefahrene Bewegungsfähigkeit, an vielen Stellen bewegt er sich verdammt menschlich. Da sehen einige schon mal neue Spezies entstehen: “A new species, Robo sapiens, are emerging.”  Offiziell ist ATLAS übrigens für Hilfstätigkeiten gedacht, die für Menschen gefährlich (oder unmöglich) sind: Brände löschen oder nach Unfällen mit nuklearem Material aufräumen.

 

ATLAS in Aktion (ab ca 0:50)

 

Schwarmroboter mit aaaawwww-Faktor
 

Der September 2013 bringt uns die wunderbar niedlichen M-Blocks. Das sind kleine bunte Würfel, die mich weirdly an haarlose Tribbles erinnern (Wer Tribbles nicht kennt: Sie sind sowas wie die unveganen Vorgänger des Bällebads). M-Robots sind magnetisch und können so aneinander haften und sich zu Strukturen verbinden: größeren Robotern, Möbeln, Brücken… Hinter den M-Blocks steht übrigens die Idee von Schwarmrobotern, die insektenschwarmähnlich gemeinsam Aufgaben erledigen – zum Beispiel Spaceshuttles reparieren, Ölteppiche im Meer “einfangen” oder Brücken bauen.
 

 

Print your Robot
 
Der T8 ist ein spinnenartiger Roboter, die Einzelteile wurden von einem 3D-Drucker gedruckt. 2014 kommt eine günstigere, nicht mehr gedruckte Version auf dem Markt, der T8X. Menschen mit Arachnophobie sollten das Video vermutlich besser nicht schauen. Alle anderen: Schaut es! Es sieht irre realistisch aus, wie der T8 seine Beine bewegt.
 

 

Superhero-Girl meets giant robot
 
Einer der herzigsten Robotermomente 2013, entstanden auf der diesjährigen ComicCon.
 

 

Robotic goes Disney
 
Erinnert ihr euch an diese typische Disneyfilmszene: Prinzessin xy umgeben von kitschigen Libellen, Schmetterlingen und Vögeln? Das gleiche möchte ich im nächsten Jahr bitte auch, aber Roboterstyle mit der DelFly Explorer. Die DelFlyExplorer ist eine Art Roboterlibelle, wiegt nur 20 Gramm und hat Kamera, Gyroskop (ein Beschleunigsmesser) und ein Barometer (das kann Luftdruck & Höhe bestimmen) an Bord. Die Kamera braucht dieser Roboter um Hindernisse zu erkennen, Gyroskop und Barometer um stabil in der Luft zu bleiben. Diese Roboterlibelle kann außer für meine Disneyprinzessinnenträume eigentlich erstmal für nichts eingesetzt werden.
 

 

Achtung, Catcontent: Wildcat goes wild
 
Catcontent geht immer, dachte sich Boston Dynamics und präsentiert uns Wildcat. Wildcat brummt ziemlich laut, schaut moppelig aus und erinnert mich mehr an eine große dicke Hummel, die wie ein Pferd galoppieren kann, aber hey, Katzen verkaufen sich eben besser. Wildcat soll so etwas werden wie ein Packesel fürs Militär: Sie kann einiges an Gepäck tragen und bis zu 25km/h schnell laufen und das auch auf unebenen Untergründen. Wildcat ist übrigens die Nachfolgerin von Cheetah, dem bisher schnellsten “beinhabenden” Roboter. Im Gegensatz zu Cheetah ist Wildcat aber nicht mehr verkabelt sondern trägt einen Motor. Hier könnt ihr Wildcat rumhoppeln und galoppieren sehen.
 

 

Kopie oder Originial: Können Roboter Urheber*innen sein?

 
Wenn ein Mensch in Wien etwas zeichnet und dabei Sensoren all seine Bewegungen aufzeichnen, die Daten dann in Echtzeit an zwei Roboter in Berlin und London übertragen werden und die Roboter das Gleiche zeichnen – wie viele Orgininale haben wir dann? Der Künstler Alex Kiessling hat uns mit seiner Long Distance Art erstmal vor ein Rätsel gestellt. Haben wir ein Original und zwei Kopien? Haben wir drei Originale und einen Urheber? Eine ausführliche Betrachtung dazu findet ihr bei irights. Die beiden benutzten Roboter, die IRB 4600, sind übrigens eigentlich Industrieroboter und können sowas wie Dinge verschweißen oder verkleben oder in der Schokoladenproduktion helfen.
 

 

Robot-Christmas

 
Dass die Robotik-Departments einiger Unis Weihnachtsvideos mit ihren Robotern machen, hat schon Tradition. Und das diesjährige vom Autonomous Christmas Lab der ETH Zürich ist wohl das tollste Weihnachtsvideo, dass die Welt je gesehen hat.
 

 

Welcher Lieblingsroboter fehlt euch noch? Freu mich über Kommentare. Und ansonsten: Habt entspannte freie Tage und feiert schön in 2014 rein!

Mein Foucault hat mehr Eselsohren als Deiner!

#shelfies statt #selfies

#shelfies, also Fotos von den eigenen Bücherregalen, trenden. Die Twitter- & Instagram-Elite fotografiert ihre Bücherregale was das Zeug hält. Ein #shelfie ist das #selfie der Intellektuellen, wird gespottet. Trotzdem posten Menschen fleißig weiter #shelfies, denn irgendwie sind ja doch alle Hipster und niemand, also wirklich niemand, möchte mit der eigenen Belesenheit angeben, ist ja bloß ironisches Bücherregal Fotografieren. Die Regeln zum Mitmachen sind einfach: Entstaubt eure Bücher, arrangiert euren Marx, versteckt Richard David Precht. Pluspunkte gibts natürlich je größer das Regal ist. Wer die gesammelten Werke von Foucault nebeneinander stehen hat, bekommt ein goldenes Sternchen. Und Abzug gibts für nicht vorher weggeräumte Peinlichkeiten, die Dieter-Bohlen-Biographie zum Beispiel.

Mein MacBook, meine Altbauwohnung, mein Bücherregal

Eigentlich würdet ihr ja alle gerne beim Rich Kids Of Instagram Tumblr auftauchen, das geht aber nicht, denn ihr habt keine Yacht, bei euren Homeparties kippt auch niemand flaschenweise Belvedere in den Pool und ihr könnt nicht an jedem Wochentag eine andere Rolex tragen. Oder irgendwie seid ihr vielleicht auch schon zu alt und gar nicht mehr so richtige Kids. Und sowieso, Geld ist nicht alles, ihr seid ja schließlich intellektuell und lest. Und das nicht nur für Arbeit & Studium, in eurer Freizeit verschlingt ihr Hesse, Kafka und die Unanständigen auch mal einen Houllebecq.

It’s Bourdieu all over again

Menschen tun, was sie immer tun, nämlich sich abgrenzen, in diesem Fall nach unten, [ironie on] der Pöbel ist nämlich nicht intellektuell und macht keine #shelfies. Wie auch, der Pöbel liest ja nicht und wenn doch, dann andere Literatur, aber nichts intellektuelles [ironie off]. Man muss nicht mit Geld schmeißen oder Urlaub im eigenen Ferienhaus in den Hamptons machen um den eigenen Status klarzustellen. Bücherregale tuns auch. Und das bringt @Antiprodukt in ihrem Post sehr treffend auf den Punkt: “Eigentlich sagt mir dein Bücherregal nur, dass du vermutlich genug Geld hast, dir Bücher zu kaufen.” Das wunderbar ironische daran ist, dass Soziolog*innen bei der Erfassung des Milieus und Lebensumfelds auch nach Anzahl der Bücherregale im Haushalt fragen. Bücher haben oder nicht haben ist nämlich immer noch Merkmal für Schicht- und/oder Milieuzugehörigkeit. Kulturelles Kapital nennt sich das und wenn wir über Ungleichheit, Klassismus und Ausgrenzung reden, müssen wir auch darüber reden, denn nicht nur Geld entscheidet, wer zu welcher Schicht gehört. Toll wäre es ja auch, sich Gedanken darüber zu machen, welche (Twitter-) Aktionen welche Ausschlüsse produzieren. Und ob das sein muss.

“Ich bin schlank, habe braune Locken, bin sehr romantisch und besitze 2000 Bücher”

Übrigens: Vermarktungspotential ist jedenfalls auch schon da. Bald lädt man dann die #shelfies bei den Singlebörsen hoch, die Buchrücken werden gescannt und dazu passende Partner*innen ausgegeben.

Der Hashtag #shelfie wird bestimmt von ElitePartner aufgekauft.

— stasiabsolut (@quasiabsolut) November 21, 2013

 

Die Wiegold-Quote oder: Geschlechterverhältnisse bei Jung&Naiv

Erinnert ihr euch daran, dass die SPD-Politikerin Gesche Joost gesagt hat, sie fände es gut, wenn Redaktionen sich verpflichten keine reinen Männer-Talkshows mehr zu veranstalten? (Wer noch an der Omnipräsenz von Männern bei (öffentlichen) Veranstaltungen zweifelt, schaue einfach mal einen Monat lang die Talkshow von Günther Jauch.)

Schön wärs ja, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen Frauen und Männer gleichermaßen repräsentieren würde. Solche Dinge wie der sexistische Werbespot zur Fußball-WM 2013 oder die Jauch-Sendung mit dem Titel “Ein Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?” machen aber wenig Hoffnung, dass das zeitnah geschehen wird. Vielleicht fangen wir™ in diesem Internetz also einfach mal selbst an? Auch ohne Fernsehen zu schauen, bin ich jeden Tag mit Veranstaltungen konfrontiert, bei denen eine Menge Männer und wenig Frauen dabei sind.

Ich wünsche mir vorallem auch mehr Frauen in Podcasts, Hangouts & Co. Und ich habe mir mal exemplarisch Jung&Naiv – Politik für Desinteressierte von Tilo Jung unter die Lupe genommen. Bis heute sind 89 Folgen von Jung&Naiv erschienenen und ich habe daraus ein paar bunte Piecharts gebastelt. (Wer nachzählen möchte, ob ich mich nicht irgendwo verzählt habe darf das gerne tun. Die Liste von Folgen, die ich zusammengeschrieben hab, findet ihr hier.)

Die Politiker*innenquote

Hier gehts zwar nicht um Geschlechterquoten, aber es bot sich an, auch noch mal zu schauen, welche Parteien bei Jung&Naiv wie oft vertreten sind. In 18 von 89 Folgen waren Politiker*innen eingeladen, die sich wie folgt auf die einzelnen Parteien verteilen:

Nicht mitgezählt habe ich übrigens Menschen, die zwar irgendwelchen Parteien angehören, aber nicht in ihrer Funktion als Parteivertreter*in in der Sendung waren.

Die Geschlechterquote

Vorab, weil es bestimmt akribischen Nachprüfer*innen auffällt: Ich habe hier nicht mit den 89 Folgen als Gesamtheit gerechnet, sondern mit den Gästen in den Folgen. In Folge 18 gibt es nämlich zwei Gäste (Sabine Leutheusser-Schnarrenberger & Wolfgang Kubicki). Deswegen habe ich mit insgesamt 90 Personen gerechnet. Von diesen 90 Gästen waren 75 Männer und nur 15 Frauen.

Das entspricht einem Männeranteil von circa 83 Prozent und einem Frauenanteil von etwa 17 Prozent. 17 Prozent!!! Wisst ihr, wo es überall höhere Frauenanteile gibt? Zum Beispiel unter Uni-Professor*innen in Deutschland. Da sind nämlich über 20 Prozent weiblich. Es fangen sogar, prozentual betrachtet, mehr Frauen an Informatik zu studieren, als Frauen bei Jung&Naiv zu Gast sind.

Die Wiegold-Quote

Und wisst ihr, was sogar noch höher ist als die Frauenquote? Die Wiegold-Quote. Thomas Wiegold ist insgesamt 21 mal als “Militär- und Sicherheitsexperte” bei Jung&Naiv zu Gast. Das entspricht einer Wiegold-Quote von etwa 24 Prozent. 15 mal Frauen, 21 mal Wiegold.

Ein bisschen traurig ist es ja auch, dass es in Folge 17, die auf den Weltfrauentag fällt & in der es um Frauen beim Militär geht, ein Mann als Gast da ist. Übrigens ist Tilo vermutlich auch schon aufgefallen, dass das Geschlechterverhältnis bei Jung&Naiv nicht besonders ausgewogen ist. Zumindest beginnt er Folge 20 mit Annett Meiritz und Folge 39 mit Julia Seeliger mit Worten wie “Heute haben wir endlich mal wieder eine Frau da”.

Also, Tilo, lad doch mal mehr Frauen ein! Ich kann ja noch verstehen, dass Du in Deinen Anfängen schauen musstest, wen Du vor die Kamera bekommst. Aber mittlerweile wollen doch sicher eine Menge Leute – außer Wolfgang Thierse – gerne bei Jung&Naiv mitmachen. Oder nicht?



Es gibt übrigens großartige Speakerinnen-Listen im Netz. Zum Beispiel bei Netzfeminismus.org. Oder bei Digital Media Women. Und Hanhaiwen hat eine thematisch sortierte Liste zusammengestellt.

Hallo, Loser-Guy

[Dies ist eine Antwort auf diesen SPON Artikel "Dritter Versuch an der Hochschule: Ich bin ein Uni-Loser" von Felix Dachsel.]

Hallo, Loser-Guy, ich hab einen Rat für Dich. Da Du Menschen ja gern nach ihren Trinkgewohnheiten benennst mach ichs Dir einfach: nenn mich Miss-Vodka-Mate. Ich gehöre nicht zu der Gruppe der fies-gemeinen Volvic-Mädchen, die Dein Studium ruiniert haben. Pardon, waren ja sogar zwei erfolglose Versuche. Und hab ein paar Tipps für Dich, vielleicht klappts ja dann beim dritten Versuch. (Yay, try & error!) Ich glaub nämlich, Du hast da nen bisschen was falsch verstanden. Aber das lässt sich ja alles richtig stellen. Hier kommen drei ultimative How-To-Not-Fail-Again-Tipps von mir für Dich.

Nr. 1: Kauf Dir eine Stadtkarte

Du schreibst von den Volvic-Mädchen, die “in den Uni-Bibliotheken dieses Landes sitzen, stundenlang, tagelang”. Die Schuld daran sind, dass Du nicht in die Bibliothek gehen kannst, weil der bloße Anblick lernender, wassertrinkender Mädchen Dir sofort ein schlechtes Gewissen macht, weil Du eben kein lernendes, wassertrinkendes Mädchen bist. Ich verstehe, dass Du Dich da unwohl gefühlt hast, fehl am Platz. Der einzige, der da irgendwie nicht reingehört. Tja, ich glaube, Du warst einfach nur am falschen Ort. Sieh mal, Loser-Guy, wenn da überall Mädchen waren, also junge Menschen weiblichen Geschlechts, die noch nicht das Erwachsenenalter erreicht haben , dann warst Du einfach am falschen Ort. Vielleicht warst Du ja gar nicht in der Uni, wo ja tendenziell eher Frauen als Mädchen anzutreffen sind, sondern auf einem Teenie-Schwarm-Pop-Konzert? Oder in einer Grundschule? Und hast es einfach nicht gemerkt. Blöd gelaufen. Aber hey, shit happens. Und Du schreibst ja selbst, dass Du einen Großteil deiner Zeit damit verbrachtest, Hörsäle zu suchen. Ich tippe auf einen schlechten Orientierungssinn. Also: Kauf Dir nen Smartphone & lass Dir von google maps den Weg zeigen. Oder besorg Dir eine Stadtkarte.

Nr. 2: Lern backen

Dein zweiter Versuch klingt ja schon etwas vielversprechender. Ich weiß zwar nicht, ob Du da jemals einen Hörsaal gefunden hast, aber wenigstens im Prüfungsbüro hast Du Dich ja scheinbar oft sehen lassen. Hier erwarteten Dich keine hinterhältigen Volvic-Mädchen, sondern die böse Frau E., die vermutlich hunderten Studis jede Woche bei ernsthaften Fragen zum Studium weiterhilft. Die vermutlich auch mal nen schlechten Tag hat. Aber ist ja schließlich ihr Job und der Kunde Studi ist ja König. Und was fällt ihr ein, Dich zu fragen, ob Du die Prüfungsordnung gelesen hast? Lange, langweilige & komplizierte Texte müssen ja schließlich schon fürs Studium gelesen werden, das sollte doch wirklich reichen. Aber auch hier ist Hilfe nicht weit: Da Du aus ein Akademikerfamilie kommst, gibt es bestimmt irgendwen Verwandtes, der oder die sich schon mit Studienordnungen auseinandersetzen musste. Back nen Kuchen & frag Deine Geschwister lieb um Hilfe. Wusstest Du übrigens, dass nicht alle so gute Grundvoraussetzungen haben? Das Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien es oft schwerer haben? Nein? Dann empfehle ich Dir, lieber Loser-Guy, diese Lektüre als Wartezeitüberbrückung während der Kuchen im Ofen bäckt.

Nr. 3: Volvic ist nicht San Pellegrino ist nicht Bonaqua

Das ist ein Pro-Tipp, extra für einen Getränke-Fetischisten wie Dich. Du willst ja nun Literarisches Schreiben studieren. Da lernst Du dann vielleicht auch, dass Recherche nicht nur im Journalismus wichtig ist, sondern auch für angehende Schriftsteller*innen ganz nützlich sein kann. Und weil Du Dich so für Mineralwasser interessierst, dachte ich, ich erspare Dir die Arbeit und weise Dich mal auf was Tolles hin: Welches Wasser jemand konsumiert, hängt mit dem Milieu zusammen in dem one sich befindet. Das kannst Du zum Beispiel hier auf den letzten beiden Seiten nachlesen. Wenn Dir das zu lang ist, dieser Tweet bringt das noch mal ganz gut auf den Punkt:

Richard David Precht braucht keinen Kitaplatz

Menschen gehen wählen oder auch nicht. Ihr Ding. Ich find Nicht-Wählen zwar scheiße, aber Fleisch essen, unfreundlich zur Busfahrer*in sein und Rosamunde-Pilcher-Bücher lesen auch und kann trotzdem niemanden davon abhalten.

Was aber mal gar nicht geht, sind Wahl-Boykott-Aufrufe von privilegierten weißen Männern Menschen.

Da wäre zuerst der “Top-Philosoph” Richard David Precht, der findet, dass es letzten Endes völlig egal ist, ob wir wählen oder nicht, denn ändern tut sich ja eh nix.

Georg Diez, SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist, findet wählen auch eher doof und schreibt auch direkt mal eine Kolumne darüber.

Harald Welzer, Soziologe, schreibt darüber, dass das kleinere Übel wählen ja auch nicht das Richtige sein kann & deswegen lässt er es einfach sein.

Und, schlussendlich, Jürgen Minski, Ex-Big-Brother-Star (der damit nicht ganz in die Reihe der selbsternannten Intellektuellen oben passt), zankt sich auf Markus Lanz Sofa mit Sophia Tomalla übers Nicht-Wählen.

SHUT. THE. FUCK. UP. (please)

Alle vier sind recht wohlhabende, heterosexuelle, weiße Männer (afaik). Und genau das ist das Problem. Diese vier finden, dass sich durch Wählen eh nichts ändert, dass es nichtig ist zu wählen, weil am Ende doch eh wieder alle für Kriegseinsätze stimmen und sowieso wäre eine Revolution ja irgendwie netter als langweilige Wahlen.

Für den vermutlich nicht allzu schlecht verdienenden Richard David Precht ist es natürlich egal, wie der Kitaplatzausbau vorangeht. Im Zweifelsfall kann der sich selbst organisierte Betreuung leisten. Und er wird auch nicht am Ende des Monats nur noch Nudeln essen, weil kein Geld mehr da ist. Ein Mindestlohn braucht er nicht. Precht ist außerdem in einer hetereosexuellen Beziehung und hat Kinder. Scheiß doch drauf, dass es Leute gibt, die nicht heiraten dürfen & denen das Adoptionsrecht verwehrt ist! Dem Herrn Precht gehts ja gut. (Die Liste ließe sich noch fortführen. Und mit kleinen Änderungen ist sie auch auf die anderen drei Wahlboykottierer anwendbar. Aber ich denke, mein Punkt ist klar.)

Nur wem es im jetzigen Zustand gut genug geht, kann sich entspannt & nicht-wählend zurücklehnen und bei Kaminfeuer & Rotwein auf die Revolution warten.

Was Crypto mit Privilegien zu tun hat

Noch mal ein Nachtrag zum Fuck your Nerdpride Post gestern, diesmal mit weniger Rant. Ich hab erstaunlich viele Rückmeldungen bekommen, die allermeisten tatsächlich positiv, einige negativ. (Letztere leider auch gerne voll mit sexistischem Mist.)

Ich finde ein paar Dinge an der aktuellen Verschlüsselungsdebatte nicht cool. Dazu gehört, – und das fiel mit nach dem Post gestern auf – dass es scheinbar Menschen gibt, die finden, ich sollte mich nicht zu Cryptokram äußern, wenn ich selbst nicht kann. Well. That’s just wrong on so many levels.

Zum einen kann ich Verschlüsseln. Ich bin kein Pro, ich weiß aber immerhin so viel, dass ich nicht mehr zu einer Anfänger*innen-Cryptoparty gehen müsste.

Zum anderen geht es gar nicht darum, ob ich Verschlüsseln kann oder wie ich allgemein dazu stehe. Es geht darum, dass diese “Lernt doch alle mal Verschlüsseln, ist doch ganz einfach!”-Einstellung in Teilen meiner Filterbubble einfach mal gar nichts mit der Lebensrealität der meisten Menschen zu tun hat. Egal, wie wichtig Verschlüsseln sein mag (again, das ist hier gar nicht der Punkt) – Überwachung ist für die meisten Menschen in Deutschland kein existenzielles Problem. Niedriglöhne, Arbeitslosigkeit & Zwangsräumungen schon. Warum es total daneben ist, sich dann hinzustellen und zu sagen “Du musst Dir aber nur die Zeit nehmen, setz halt Deine Prioriäten anders”, brauche ich hoffentlich nicht zu erklären.

Das ist übrigens kein auf Crypto beschränktes Phänomen. Auch sich an Castorschienen ketten, Naziaufmärsche blockieren & viele andere aktivistische Dinge, die ich wichtig finde, sind eine Frage von finanziellen, zeitlichen & nervlichen Ressourcen. Die Leute, die diese Ressourcen nicht haben, dafür anzupöbeln, ist und bleibt arrogante, privilegierte Kackscheiße.

Fuck your Nerdpride

Jetzt wissens wir es alle. die NSA kann mehr Verschlüsselungen knacken als gedacht. Bzw knacken stimmt nicht, stattdessen werden hinterlistige Hintertürchen benutzt und wahrscheinlich vor allem dadurch, dass gezielt Schwachstellen in Verschlüssungssoftware eingebaut wurde. (But that’s not the point here.)

Die “Wir wussten es doch immer”-Fraktion darf jetzt ganz offiziell Elliot Reids “I told you so”-Dance tanzen. Was diese Fraktion aber noch nicht so genau weiß ist, um welche Verschlüsselungen es geht und um welche nicht. Damit rückt der Guardian nämlich (noch?) nicht raus. Trotzdem ist Twitter voll mit VERSCHLÜSSELN JETZT ERST RECHT!-Tweets. Ich versteh das nicht so ganz. Die NSA kann Verschlüsselungen knacken, wir wissen teilweise welche, teilweise auch nicht und alle spekulieren ein bisschen rum. Eigentlich wissen wir mal wieder viel zu wenig (sage ich) und trotzdem muss soll wäre es schön, wenn mein Opa  alle Welt  ich endlich mal lernen würde mein Zeug zu verschlüsseln (sagen Menschen in meiner Timeline).  PGP mit bis zu 4000-something bit keys ist zum Beispiel noch sicher, berichten selbst ernannte Experten (sic!). Und so schwer isses ja nicht, wenn selbst Oma, Opa & überhaupt scheinbar alle außer mir verschlüsseln können:

Immerhin wird nicht (von allen) erwartet, dass ich das mittels youtube Videos & Nerdforen selbst lerne. Im Gegenteil, nette Menschen bieten mir und dem Rest der Ahnungslosen Nicht-Verschlüssler*innen Hilfe an. (Die entsprechenden Tweets hier zu zeigen spare ich mir, weil ich glaube, dass es wirklich nett gemeint ist. Deswegen ists aber nicht weniger daneben.)

1000 Dank euch, echt.* Ich lern dann Verschlüsseln, wenn ich eine bezahlbare Unterkunft für meine schwerkranke Oma gefunden habe, also wenn ich fertig damit bin, Behörden abzutelefonieren, zu Beratungsstellen zu gehen, mich mit der Krankenversicherung rumzuärgern, sämtliche Berliner Senior*innenwohnheime ausgecheckt hab. Aber dann lerne ich crypto! Sofort! Oh, wait. Die Krankenkasse zahlt nicht alles. Dann lerne ich Verschlüsseln eben erst, wenn ich die 2000€ Schulden wieder reingearbeitet habe. Aber jetzt hab ich ja Zeit! Neben den drei liegengebliebenen Hausarbeiten und anderem Unigedöns kann ich ja die freien Abende, die ich nicht in der Bibliothek sitze, auf ner Cryptoparty verbringen. Dafür lass ich dann eben irgendwas von der Grünen Jugend ausfallen. Oder fahre eben nicht zur Nachtschicht nach Marzahn-Hellersdorf, wo Nazis Hakenkreuze an ein refugee Wohnheim schmieren. Aber dafür kommuniziere ich dann NSA-frei. (Oder kann mich wenigstens so fühlen.)

Mein Rant noch mal in Tweetlänge:

 

*Ich finds wirklich gut, wenn ihr Menschen an eurem Wissen teilhaben lasst. Macht das gerne, immer & überall! Aber ein bisschen weniger Nerd-Arroganz wäre schön. Und ein bisschen mehr Verständnis für die unterschiedlichen Lebenssituationen von Menschen.

Achtet mal auf eure Wortwahl, ihr F*****!

Achtung, Rant-Post.

Aufwachen, Kaffee, twitter. Tolle Timeline raged über Homophobie und Putin, teilt Regenbogenfingernagelbilder und ein Video von küssenden Robotern.

Wachsein, mehr Kaffee, Zeitung. Zuerst Spiegel Online. Datenhandel, illegal, mal wieder, Steinbrück, Fußball. Und: Säureattacken in Kolumbien. Feige Rache gekränkter Männer. Lust auf Weiterlesen? Nee, Lust auf Kotzen. Säureattacken sind also feige Racheaktionen. Und Feigheit, das passt nicht. Sind ja schließlich gekränkte Männer, die sich hier rächen (für was eigentlich, hm? Dafür, verlassen zu werden? RACHE für ein “Ich liebe Dich nicht”?! Oh well. Der Begriff der Rache ist hier wrong on so many levels.) Jedenfalls sollen Männer sich doch bitte mutig rächen, nicht feige.

Können wir scheiß Männlichkeitsbilder bitte mal überwinden, pronto? Und uns hier auf das konzentrieren, um das es geht, nämlich Misshandlung von Männern an Frauen in einer zutiefst misogynen Gesellschaft?

Kann SpOn anscheinend nicht. Und die Männer, die feige sind, ruinieren das Leben hübscher Frauen. Ihr lest fucking richtig. HÜBSCHE Frauen. Oh wait – ehemals hübsch. Jetzt natürlich durch Säure entstellt und nicht mehr so hübsch. Und ich sags noch mal: können wir uns hier auf das konzentrieren, um das es geht, nämlich Misshandlung von Männern an Frauen in einer zutiefst misogynen Gesellschaft?

Und bevor jetzt die | das ist doch unwichtiger Kleinkram | wir müssen uns um wichtigere Dinge kümmern | ist doch gut, dass SpOn über sowas berichtet | -Fraktion ankommt: Sprache ist wichtig. Wenn ihr wissen wollt warum, lest euch in Debatten über Pippi Langstrumpf, Paprikaschnitzel & Schokoküsse ein. Und wenn ihr keine Lust auf Lesen habt, dann schaut diesen wunderbaren Vortrag von Anatol Stefanowitsch über Sprache und Ungerechtigkeit an.

Außerdem gehts hier nicht um meine Omi, die mit ihren Freundinnen kartenspielend auf der Veranda sitzt und über feige Männer und schöne Frauen redet. Es geht um Journalist*innen. Eine Berufsgruppe also, die mit Sprache arbeitet, wie andere Berufsgruppen mit Holz, Baumwolle oder Tomaten arbeiten. Leute, die gelernt haben sollten, dass Sprache gesellschaftliche Zustände reproduziert. Leute, von denen ich erwarte, dass sie reflektierter mit Sprache umgehen, als zum Beispiel meine Omi, die zeitlebens nicht mit Sprache gearbeitet hat.

Liebe Journalist*innen, bitte achtet mehr auf eure Wortwahl. Ist schließlich euer Job und echt nicht zu viel verlangt.